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Ein Kalb braucht Milch, Milch, Milch

Die Trennung von Kuh und Kalb ist ein hochemotionales Thema, das die Milchbranche nicht mehr einfach zur Seite schieben kann. Will man glaubwürdig bleiben, muss man den Kälbern wohl mehr Vollmilch gönnen. Damit könnte ganz nebenbei auch der Markt entlastet werden. STEFAN NIMMERVOLL hörte sich um.
Noch sind Betriebe wie der Stieglerhof von Margret und Karl Bernhofer in Golling im Tennengau die absolute Ausnahme in der heimischen Milchlandschaft. Im Rahmen einer Mischung aus muttergebundener Kälberaufzucht und Ammenkuhhaltung wird dort die Beziehung zwischen Kuh und Kalb radikal anders gelebt als das im heutigen Alltag üblich ist. Denn die Kälber dürfen zwei Mal am Tag, jeweils vor dem Melken, bei den Kühen saugen. Die restliche Zeit verbringen sie in der Gruppe in einer Kälberhütte, wo die Muttertiere jederzeit nach ihnen sehen können. In der ersten Woche sind beide sogar durchgängig beisammen. Zur Zeit des Absetzens dürfen die Jungtiere dann noch einige Zeit bei einer Amme trinken, halten aber weiterhin Kontakt zu ihrer Mutter. Die Umstellung auf Raufutter geht damit problemlos vonstatten.
An ihrem sehr individuellen System feilt die Familie seit 2013, als die Bäuerin auf den kleinen Hof mit seinen zehn Milchkühen eingeheiratet hat. „Ich stamme von einem Betrieb mit Pferdehaltung. Mir haben immer die Argumente dafür gefehlt, warum ich eine Kuh zuerst melken soll, damit ich die Milch dann in einem Kübel zum Kalb bringen kann“, meint Margret Bernhofer. Sie legt großen Wert darauf, keinen sozialromantischen Streichelzoo zu betreiben. „Wir sind kein Gut Aiderbichl. Unser System muss sich rechnen.“ Und das tut es: Was die Kälber an Milch wegsaufen und daher nicht abgeliefert werden kann, machen die Bauern über die Direktvermarktung des Kalbfleischs mehr als wett. Belegen können sie das mit den Zahlen, die sie jedes Jahr für den Grünen Bericht sammeln. „In den ersten 14 Tagen dürfen wir die Bio-Heumilch sowieso nicht abliefern, danach setzen wir sie mit 55 Cent in die Kalkulation ein.“ Zum Schluss kommt trotzdem ein Plus im Vergleich zur herkömmlichen Milchsammlung heraus. Selbst wenn die Mastkälber dann und wann „nur“ an die Erzeugergemeinschaft abgegeben werden, geht sich die Rechnung knapp, aber doch aus. „Sinkt der Milchpreis, wird der wirtschaftliche Vorteil für uns sogar noch größer“, meint Bernhofer.
Für Stefan Lindner ist die Kälberaufzucht beim Milchvieh ein sensibles Thema. Praxistaugliche Lösungen mit Fokus auf die Tiergesundheit sind gefragt. „Wir können den Konsumenten nicht mehr erklären, dass sie die gesündeste Milch der Welt trinken, aber unsere Kälber dürfen das nicht“, meint der Obmann der Rinderzucht Austria. Deshalb befasst sich die ZAR verstärkt mit der Weiterentwicklung von verschiedenen Modellen. Noch gibt es allerdings sehr wenig wissenschaftliches Material mit Hinweisen und Anleitungen, um so etwas breit umzusetzen, meint die ZAR-Tierärztin Simone Steiner. „Aussagekräftige Studien fehlen. Was man aber sagen kann, ist, dass es schwierig ist, die Kälber erst nach mehreren Lebenstagen von ihren Müttern zu trennen.“ Der Trennungsschmerz steigt mit zunehmendem Alter stark. Es gebe aber unbestritten Betriebe, bei denen alternative Systeme, wie zum Beispiel ein Kälberkindergarten, mit viel Kreativität und Flexibilität funktionieren.
Dass es in der Praxis undenkbar ist, die Bindung nach drei Wochen zu unterbrechen, kann auch Christian Dullnigg bestätigen. Die Landwirtschaftliche Fachschule Bruck an der Glocknerstraße, deren Direktor er ist, hat das in einem gemeinsamen Versuch mit der Pinzgau Milch lautstark zur Kenntnis nehmen müssen. „Unser Stall ist mitten im Dorf. Die Leute haben nicht mehr schlafen können, weil die Kühe so gebrüllt haben. Das hätten wir nicht ausgehalten“, resümiert er. Das sind aber beileibe nicht die einzigen Hürden: Die Schule versteigert ihre Kälber als Zuchtvieh. Weil die Milchleistungskontrolle verfälscht ist, wenn ein Teil im Magen und nicht im Tank landet und die Kälber auch bei anderen Kühen saugen, hätte sie sich langfristig damit schwer getan. „Auch betriebswirtschaftlich würden wir mit diesem System weitaus schlechter fahren, weil Biomilch ein sehr teures Futter ist und der Kälberpreis dem nicht entspricht“, so Dullnigg.
Den Verantwortlichen der Bioeigenmarke Ja!Natürlich der REWE-Gruppe schwebt aber genau ein solcher Ansatz vor. Sie beziehen einen Teil ihrer Produkte von der Pinzgau Milch in Maishofen. „Ein Kalb braucht Milch, Milch und wieder Milch. Es kann nicht sein, dass man ein Jungtier nach drei Wochen einfach weggibt“, unterstreicht Rewe-Manager Andreas Steidl. Daher will man die Kälber von Ja!Natürlich-Kühen künftig mit Vollmilch mästen lassen und ihr Fleisch im Regal anbieten. „Wir gehen davon aus, dass die Bauern verpflichtend ein dementsprechendes Konzept umsetzen.“ Das bedeutet aber nicht, dass alle Landwirte auf muttergebundene Kälberaufzucht oder Ammenkühe umstellen müssen. Wichtig wird es aber sein, dass die Tiere mit „echter“ Milch getränkt werden. Das kann am eigenen Betrieb passieren. Man könnte aber auch regional Höfe identifizieren, die die Vollmilchmast für andere übernehmen. „Wenn einer zum Beispiel bisher 100.000 Kilo abliefert, könnte er in Zukunft hundert Kälber einstellen und braucht sich nicht mehr nach dem Milchauto richten“, so Steidl. Bei der Umsetzung wolle man die Molkereien in die Verantwortung nehmen.
Mit der Idee, die Kälber mit heimischer Vollmilch statt mit angerührtem Pulver aus dem Ausland zu versorgen, kann auch Stefan Lindner etwas anfangen. Immerhin ist der Kitzbühler nicht nur Obmann der ZAR, sondern auch Aufsichtsratsvorsitzender der Berglandmilch. „Jedes Kilo Milchaustauscher oder getrocknetes Pulver, das als Futtermittel hereinkommt, ist ein Kilogramm netto importierte Milch“, sagt er. Gerade in Zeiten, in denen zu viel da ist, sei das nicht der richtige Weg. Der Schlüssel sei eine österreichweite Kalbfleischstrategie in Verknüpfung mit einer durchgängigen Herkunftskennzeichnung. „Es kann nicht sein, dass wir Kälber zur Mast in andere Länder verbringen, während 60 Prozent des in Österreich konsumierten Kalbfleischs importiert werden.“ Die Gollinger Milchbauernfamilie Bernhofer probiert heuer sogar erstmals aus, Kuh und Kalb einfach gemeinsam auf die Weide zu lassen. Die Salzburger sehen in ihren alternativen Ansätzen nur Vorteile: „Wir brauchen keine Milch aufwärmen und keine Amper auswaschen. Und zusätzlich fördert das idyllische Bild auf der Weide noch den Ab-Hof-Verkauf.“ Margret Bernhofer weiß aber, dass ihr Weg nicht für alle Kollegen umsetzbar wäre. „Zum Beispiel ist es in der Anbindehaltung sehr aufwändig, das Kalb zur Kuh zu lassen. Es kommt einfach auf die Herdengröße und die individuellen Gegebenheiten eines Betriebs an. Wenn einer 100 Stück Vieh hat, wird es unübersichtlich.“ Denn es sei nötig, genau zu schauen, ob auch jedes Kalb genug säuft. Der Aufwand ist dabei wesentlich mehr, als wenn jedes an seinem eigenen Eimer nuckelt. Grundsätzlich habe die muttergebundene Aufzucht aber Zukunft: „Die Kuh kann es. Viele Bauern aber nicht.“

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