Header

Header

Ein wirklich außergewöhnliches Jahr

Im Frühling 2020 wurden die Staatsgrenzen dicht gemacht. Gewohnheiten wurden umgekrempelt und Corona zum Thema Nummer eins. Sorge und Unsicherheit standen auf der Tagesordnung. ALOIS BURGSTALLER hat mit dem Geschäftsführer des Verbands der oö. Obst- und Gemüsebauern Stefan Hamedinger über die Nachwirkungen gesprochen.

BIL: Im Vorjahr hat es eine außergewöhnliche Situation für Gemüse-, Obst und Weinbauern gegeben. Wir erinnern uns an Reisebeschränkungen, Charterflüge, Nachtzüge. Davon ist heuer keine Rede?

SH: Es gibt wieder eine außergewöhnliche Situation, quasi das Gegenteil vom Vorjahr. In einem Satz zusammengefasst: Im Vorjahr gab es sehr früh gutes Wachstum und es waren viel zu wenig Leute für die Ernte verfügbar. Heuer haben wir die Leute frühzeitig bekommen, weil wir vorgesorgt haben, aber die Ware steht in dem sonst üblichen Umfang nicht auf den Feldern. Im Vorjahr galt: zu wenig Leute und zu viel Ware, und heuer gilt wegen dem Wette bis dato: viel zu wenig Ware und daher oft zu wenig Arbeit.

BIL: Die pandemischen Begleitmaßnahmen haben dazu geführt, dass gewisse Berufsgruppen eine starke gesellschaftliche Aufwertung erfahren haben. Supermarkt-Arbeiter haben wohlfeile Prämien wegen der Megaumsätze bekommen. Bauersein wurde als systemrelevante Schlüsselqualifikation gerühmt. Ist bei deinen Bauern auch eine Art Corona-Prämie angekommen?

SH: Eine Corona-Prämie ist insofern angekommen, als die Nachfrage im Obst- und Gemüsesektor das gesamte vergangene Jahr gut war. Es hat nie einen echten Durchhänger gegeben. Der Durchschnittserzeugerpreis lag bei fast allen Gemüse- und Obstarten über dem des langjährigen Durchschnitts. Insofern war das Jahr ein wirtschaftlich gutes, so gesehen gab es auch eine Corona-Prämie.

BIL: Die Gewerkschaft hatte im Vorjahr, Schwächen und Mängel bei den Unterkünften aufgezeigt. Hat man daraus gelernt?

SH: Tatsächlich laufen Verhandlungen zwischen dem Bundesobst- und -gemüsebauverband, Landarbeiterkammer (LAK), LKÖ und Gewerkschaft. Das neue Landarbeitsgesetz, das ab 1. Juli gilt, regelt über eine Arbeitsstättenverordnung hoffentlich in einem guten Kompromiss, wie die Unterkünfte auszusehen haben. Gewerkschaft und LAK haben schon angekündigt, dass sie heuer Oberösterreich besonders in den Fokus nehmen wollen. Die LAK hat bereits eine vielsprachige Infokampagne per Post an die Saisonniers verschickt.

BIL: Ministerin Köstinger hat sich gegen Pläne ausgesprochen, GAP-Prämien obligat an Sozialstandards für Landarbeiter zu knüpfen. Dieses Vorhaben würde, behaupten die Befürworter, unsere arbeitsintensive Landwirtschaft vor Sozialdumping der Konkurrenz schützen.

SH: Die Ministerin hat sich dagegen verwahrt, über diese Verlinkung Förderungskürzungen durchsetzen zu wollen. Die weit über südspanischen oder süditalienischen Verhältnissen liegenden österreichischen Standards werden durch die Land- und Forstinspektion schon viele Jahre gleichsam „hochkontrolliert“. Es bedarf eher einer intensiven Suche, um trotzdem schwarze Schafe aufzuspüren. Es gibt in Ö stark unterschiedliche Gegebenheiten, was die Unterbringung betrifft. In Ostösterreich wird regelmäßig grenzüberschreitend heimgefahren, im Westen wohnen die Arbeiter die ganze Saison hindurch am Hof.

BIL: Im Vorjahr wurde mit der Website „Die Lebensmittelhelfer“ versucht Arbeitskräfte zu requirieren. Was konnte man aus dem Misserfolg lernen?

SH: Der Versuch war gut gemeint, aber selbst die Proponenten haben eingestehen müssen, dass der Erfolg sehr überschaubar war. Deswegen hat man heuer auch gar nicht daran gedacht, diese Plattform wiederzubeleben.

BIL: Nach eineinhalb Jahren Pandemie, was hat sich in dieser Zeit in der Vermarktung von Gemüse und Obst verändert?

SH: Sowohl die großen Verarbeiter als auch die Veredler wie der industrielle Tiefkühlgemüseerzeuger mit 3.600 ha Vertragsfläche im Marchfeld, der bereits 20% der österreichischen Gemüseproduktion verarbeitet, hat ein historisch hervorragendes Jahr erlebt, einfach weil die Verbraucher wochenlang gehamstert haben. Auch der Sauergemüseerzeuger Efko konnte sich eines Ansturms auf ihre Produkte erfreuen. Essiggurkerl, Sauerkraut und Co. Verkauften sich super. Es haben sowohl die großen Verarbeiter als auch die kleinen Direktvermarkter auf allen Linien profitiert. So ein Jahr hat es absatzmäßig noch nie gegeben. Der Regionalkonsum und der Bezug zum Urproduzenten, zum Bauern, profitierte von der vielen Zeit, die die Konsumenten hatten, um sich mit Lebensmitteleinkauf und –zubereitung die Zeit zu vertreiben. Sie hatten auch Zeit, um sich die Waren direkt beim Hofladen oder Marktstandl abzuholen, weil ja viele Leute mehr oder weniger freiwillig daheim waren. Das hat dem Direktabsatz einen Turbo verpasst. Schlechter wurde die Lage für jene Betriebe, die zuvor höhere Umsatzanteile an die Gastronomie und den Tourismus verkauft hatten. Die haben Verluste über ein, zwei Monate hinnehmen müssen, haben aber ihre Ware schlussendlich doch verkaufen können, weil der Gesamtmarkt diese Ware aufgenommen hat. Großverarbeiter sprangen gleichsam statt der Gastronomie als Abnehmer ein.

BIL: Was von all diesen Veränderungen kann Bestand haben, und was wird nicht wieder kommen?

SH: Die Verlagerung des Absatzes von der Gastronomie zu den Supermarktketten wird sich wieder zurückentwickeln. So ein Gemüse- und Obstabsatz wird in die Geschichte als Einzelereignis eingehen. Sogar die überdurchschnittlich hohe Ernte konnte dem Preis nichts anhaben.

BIL: Wie erklärt man sich diese plötzliche Verbesserung der Nachfragestruktur?

SH: Das erstaunliche war, dass selbst wenn die Millionen Touristen ausbleiben, fällt der Markt nicht zusammen, weil die Österreicher im Gegenzug daheimblieben. Die Vermutung liegt nahe, dass billige Importware durch Inlandsprodukte ersetzt worden ist. Diese Chance gilt es langfristig über die nächsten Jahre zu nutzen.

BIL: Man hört teilweise von großer Betriebstreue der Erntearbeiter. Manche kommen seit mehr als zehn Jahren zum selben Betrieb. Ist das ein gutes Zeichen für die Qualität des Arbeitsplatzes?

SH: Die Betriebe in OÖ, Tirol, NÖ und Stmk. rufen immer stärker nach Ukrainern und anderen Drittstaats-Saisonarbeitern. Jahrelang treue EU-Arbeiter gehen in Pension und Junge kommen von dort nicht nach. Manche Saisonarbeiter überlegen es sich kurzfristig anders und kommen dann doch nicht. Diese Probleme nehmen zu. Deutschland hat jüngst 5.000 Georgiern ein Visum zur Erntearbeit gegeben. 80.000 Georgier hatten sich um diese Plätze beworben. Wenn von den 12.000 in Österreich bestehenden Arbeitsverträgen mit EU-Bürgern nur 10% nicht mehr ernten kommen, dann brauchen wir jährlich 1.200 Drittstaatssaisonniers zusätzlich, um diese zu ersetzen. Wer dafür nicht vorsorgt, geht an der Realität vorbei und schwächt unsere gesellschaftlich sehr erwünschte österreichische Erzeugung von Gemüse und Obst.

Der Beitrag Ein wirklich außergewöhnliches Jahr erschien zuerst auf Blick ins Land.